01.08.2018

Rotary Entscheider 

„Das Smartphone wird zum digitalen Leibarzt“

Anne Klesse

Die Digitalisierung wird das Gesundheitssystem verbessern, sagt der Mediziner Markus Müschenich. Künftig werden Apps viele Arztbesuche ersetzen können

Internet und Medizin – wie passen die Themen Diagnose, Behandlung und Begleitung von Patienten zusammen? Dr. med. Markus Müschenich ist Kinderarzt und Gesundheitswissenschaftler. Als Vorstand im Bundesverband Internetmedizin setzt sich der 57-Jährige seit Jahren für die Digitalisierung des Gesundheitssystems ein. In Berlin hat er das Unternehmen Flying Health gegründet, das sich mit dem Thema beschäftigt und Start-ups in den Gesundheitsmarkt begleitet.

Im Rahmen des Rotary Institute mit dem Schwerpunkt Digitalisierung im Humanitären Dienst, das vom 21. bis 23. September in Nürnberg stattfindet (mehr dazu auf Seite 28), wird er Einblick in die neuesten Entwicklungen dieses Bereichs geben. Der Titel seines Vortrags: „How killerapplications will save lives in healthcare‘s future.“ Wie bitte, Killer-Apps? Haben nichts mit Töten zu tun, versichert er im Gespräch. Hinter dem Begriff verbergen sich Anwendungen, die veraltete Distributionswege ersetzen. Obwohl Müschenich auf dem Sprung in den Familienurlaub ist, nimmt er sich Zeit für ein ausführliches Telefoninterview.

Herr Dr. Müschenich, für diejenigen, die sich unter „Internetmedizin“ nichts vorstellen können: Was verbirgt sich hinter dem Begriff?
„Internetmedizin“ bezeichnet die interaktive Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten und Verletzungen unter Nutzung des Internets und seiner Applikationen. Letztere können reine Werkzeuge wie Videotelefonie sein, aber auch so etwas wie eine Diabetes-Management-App, in der Blutzuckerwerte und Ernährungsdaten erfasst und mit Arzt, Apotheken und Labors geteilt werden können. Es gibt mittlerweile Apps, die künstliche Intelligenz nutzen und das Wissen so bereitstellen, dass der Patient nicht mehr seinen Arzt fragt, sondern die App, die mit medizinischen Ausbildungsinhalten und dem gesammelten Wissen weltweit programmiert ist und verlässliche Antworten gibt.

Für welche Bereiche sehen Sie die größten Potenziale?
Für alle! Es gibt keinen medizinischen Bereich, in dem die Digitalisierung keine Rolle spielen wird. Die größte Rolle spielt sie dort, wo Probleme im Alltag auftauchen. Zum Beispiel bei Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Depressionen oder Migräne. Diese Krankheiten beschäftigen die Betroffenen rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Aber sie haben nur ein paarmal im Jahr für eine Viertelstunde einen Termin beim Arzt. Die digitale Unterstützung hingegen ist in der Regel permanent verfügbar und holt Patienten aus der „medizinischen Einsamkeit“. Das Smartphone wird zum digitalen Leibarzt.

Andererseits kann dieser digitale Leibarzt auch in akuten Situationen helfen: Man hat Halsschmerzen, macht ein Foto von seinem Rachen – und per Bilderkennung wird eine Halsentzündung diagnostiziert und Antibiotika verschrieben. Das entlastet auch uns Ärzte. Die Digitalisierung wird in den ländlichen Regionen beginnen, dort den Ärztemangel lindern, und sich dann in den Ballungsräumen fortsetzen. Sie wird für eine Gleichwertigkeit zwischen Privat- und Kassenpatienten sorgen, denn bei der digitalen Behandlung muss niemand monatelang auf einen Termin warten.

Das klingt nach einem Kulturwandel, an den sich Patientinnen und Patienten erst einmal gewöhnen müssen...
Wir alle müssen uns täglich fragen und entscheiden, wie wir leben wollen. Welche Technologien bringen uns nach vorne? Wie können wir dieses oder jenes optimieren? Mich persönlich beschäftigen diese Fragen stark. Ich möchte Teil dessen sein, mitentscheiden. Bei allem nötigen Wandel gilt aber: Der Patient muss der Entscheider bleiben. Es darf niemals ein Gesetz geben, das Patienten vorschreibt, vor dem Arztbesuch die App befragen zu müssen. Oder nur für bestimmte Symptome einen Arzt konsultieren zu dürfen. Jeder Patient muss auch in Zukunft Zugang zu einem Arzt behalten.

Aber wenn jemand beispielsweise Sorge hat, dass der dunkle Fleck an seinem Körper Hautkrebs sein könnte, ist es möglicherweise besser, ein Foto davon in die App zu laden und sofort eine Antwort zu erhalten, als monatelang auf einen Termin beim Hautarzt zu warten. Computerbasierte Diagnosen können sogar besser und sicherer sein als die eines Arztes, der beispielsweise mit bestimmten seltenen Krankheiten noch nie zu tun hatte und sie deswegen nicht erkennt.

Studien zur Diagnose von Hauterkrankungen, zur Identifikation von Herz-Kreislauf-Risiken oder der Betrachtung des Augenhintergrunds zeigen, dass Computer nachweislich mindestens so gut sind wie ein Arzt. Wir sprechen also nicht von einer Zweiklassenmedizin in dem Sinne, dass die Internetmedizin nur die zweitbeste Lösung nach dem Arztbesuch wäre. Im Gegenteil. Gute Medizin ist und bleibt das Ergebnis guter Kommunikation und Information: Arzt und Patient sprechen miteinander und sind gut informiert über Symptome, Leiden, Diagnose, Behandlung. Die digitale Unterstützung dieser Kommunikation und Information optimiert das Ergebnis.

Haben Sie keine Angst, sich als Arzt selbst überflüssig zu machen?
Wir Ärzte können optimistisch in die Zukunft blicken. Denn die Digitalisierung der Medizin wird das Ende der FünfMinuten-Medizin sein, bei der weder der Arzt noch der Patient zufrieden ist. Aktuell haben wir im Jahr 600 Millionen Arztkontakte in Deutschland. Das Vergütungssystem in Deutschland ist darauf ausgelegt, dass Patienten mit banalen Erkrankungen „benötigt“ werden, damit die Bilanz einer Praxis stimmt. Die banalen Erkrankungen verstopfen sozusagen die Arztpraxen, während für Patienten mit ernsten Erkrankungen nicht genug Zeit ist. Wenn man 200 von 600 Millionen Arztkontakten digital gestalten kann, ohne Termin in der Praxis, dann erhöht sich die Zeit, die Ärzte pro Patient zur Verfügung haben. Ich rechne mit einer Qualitäts- und mit einer Zufriedenheitssteigerung auf beiden Seiten.

Wie kann Missbrauch verhindert werden, wenn so sensible Daten in Clouds gespeichert werden, auf die Ärzte, Apotheker, Labors, Krankenhäuser, Krankenkassen und andere Zugriff haben?
Die Apps, von denen ich spreche, sind zertifizierte Medizinprodukte. An sie werden die gleichen Standards gesetzt wie an andere Medizinprodukte. Datenschutz darf nie zur Diskussion gestellt werden.

Ist der Gesundheitssektor genügend vorbereitet?
Die Medizin ist definitiv nicht vorbereitet. Es setzt sich nur langsam die Erkenntnis durch, dass Digitalisierung mehr ist, als eine Onlinesprechstunde anzubieten. Ganze Wertschöpfungsketten müssen neu definiert werden: Statt dem Hausarzt wird künftig das digitale Expertensystem zuerst konsultiert werden. Ärztliche Tätigkeiten können computerunterstützt von Pflegekräften übernommen werden. Drittens wird es medizinische Leistungen komplett ohne menschliches Zutun geben. Viertens werden banale Leistungen im Preis verfallen, da sie mit der gleichen oder einer besseren Qualität von Apps erbracht werden können. Es wird also auch eine neue Gebührenordnung nötig sein. 

Bei wem rechnen Sie mit Widerstand und wie wollen Sie dem begegnen?
Widerstände gibt es immer, wenn es Veränderungen gibt. Ich rechne in der Ärzte- und Apothekerschaft mit Widerständen. Eine Antwort darauf muss sein: Die Heilberufe müssen trotz digitalisierter Medizin wirtschaftlich interessant bleiben. Auch müssen die Veränderungen wissenschaftlich begleitet werden. Wenn Studien zeigen, dass die digitalen Leistungen qualitativ sehr gut oder besser sind, wird es künftig ein Behandlungsfehler sein, diese Apps nicht anzuwenden. Dann haben Ärzte keine Wahl.

Mich selbst sehe ich auch als Vermittler. Ich übernehme gesellschaftliche Verantwortung, indem ich aufkläre. Warne, wenn ich von etwas nicht überzeugt bin. Auch bei Rotary bin ich übrigens, um gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Als Fortführung dessen, was ich beruflich mache. Mit derselben Energie.

Wie wird das Gesundheitssystem der Zukunft aussehen?
Wir werden eine große Menge an Informationen produzieren: Bewegungsmuster, Herz-Kreislauf-Daten etc. Von morgens bis abends wird unser Leben digital begleitet werden. Das Thema Prävention wird wichtiger. Apps werden uns helfen, gesund zu leben, uns vorwarnen, sobald Erkrankungen drohen. Der Begriff „on Health“ passt ganz gut: wir werden permanent online auf unsere Gesundheit aufpassen. Bei Flying Health forschen wir gerade zu „digital drugs“, also zu softwarebasierten Applikationen, die wie Medikamente wirken. Das ist die Zukunft.


Dr. med. Markus Müschenich (RC Berlin-Lilienthal)

studierte in Düsseldorf Medizin und erhielt dort auch den Master of Public Health. Nach der Facharztausbildung für Kinderheilkunde und Stationen in Kliniken gründete er Concept Health, einen Thinktank für die Gesundheitswirtschaft, sowie den Inkubator Flying Health. Mit Jens Spahn, mittlerweile Bundesgesundheitsminister, schrieb er 2016 das Buch "App vom Arzt. Bessere Gesundheit durch digitale Medizin" (Herder). Müschenich ist Vorstand im Bundesverband Internetmedizin.

flyinghealth.com

Erschienen in Rotary Magazin 8/2018

Anne Klesse
Anne Klesse war viele Jahre lang Redakteurin der Welt-Gruppe (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt Kompakt, Berliner Morgenpost) in Berlin und arbeitet seit 2015 freiberuflich als Journalistin für Print und Online. Für das Rotary Magazin führt sie unter anderem regelmäßig Entscheider-Interviews. www.anneklesse.de

Rotary Magazin 12/2018

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