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Forum

Dreh- und Angelpunkt der Reichs- und Kirchengeschichte

Forum - Dreh- und Angelpunkt der Reichs- und Kirchengeschichte
Der barocke Hochalter wurde von Balthasar Neumann geschaffen. Vorausgegangen war eine Zerstörung des Dominneren durch französische Truppen unter Ludwig XIV. © Beate Münter/f1online

Vor tausend Jahren wurde in Worms der Dom St. Peter geweiht. Noch heute prägt er mit seiner prächtigen Architektur die Stadt am Rhein

01.08.2018

Es wurde noch fleißig gewerkelt und gearbeitet an der Großbaustelle in Worms, als im Juni 1018 Kaiser Heinrich II. mit seinem Hofstaat in der Stadt am Rhein Station machte. Der Kaiser kam gerade von einem Hoftag in Bürgel und war unterwegs zu einem Feldzug gegen Burgund. Als er in Worms den beinahe fertig gestellten Dom sah, der auf dem höchsten Hügel mit seinen vier imposanten runden Flankentürmen und dem Vierungsturm in der Mitte die Stadt wie eine Krone überragt, kam ihm eine wunderbare Idee: Musste es nicht für den bevorstehenden Feldzug einen besonderen Segen bedeuten, wenn er dem erhabenen Gott, der ihn zum deutschen König und römischen Kaiser erwählt hatte, noch eben dieses wunderbare Bauwerk schenken würde?

So drängte er den widerstrebenden Bauherren der Kathedrale, den Wormser Bischof Burchard, den neuen Dom noch in seiner Anwesenheit zu weihen. Dem Kaiser widersetzt man sich nicht, und so wurde die Baustelle gleichsam über Nacht aufgeräumt und der Dom für die Weihe vorbereitet. In der Lebensbeschreibung des Bischofs Burchard ist zu lesen: „Nach langem Widerstreben fügte sich endlich der Mann Gottes in den Willen des Kaisers. Und so wurde denn dieses Haus, nachdem der Schutt hinausgeschafft und der Schmutz entfernt war, am folgenden Tage in Gegenwart und auf Geheiß des Kaisers und vieler Bischöfe, mit vielen Lobgesängen und großen Feierlichkeiten des Klerus und des Volkes Gott geweiht“.

Krone der Stadt
Dies geschah am 9. Juni anno Domini 1018. Grund genug, im Jahr 2018 mit nicht geringerer Feierlichkeit das tausendjährige Jubiläum der ersten Weihe des Wormser Domes zu begehen, der noch heute, wenn auch nicht mehr Kathedralkirche eines Bischofs, so doch unbestritten die Krone der Stadt ist, die er eindrucksvoll mit seinen Türmen überragt.

Kein Bauwerk der Innenstadt von Worms darf höher gebaut werden als der Dom. Mit den Bischofskirchen von Mainz und Speyer zählt der Wormser Dom zu den drei romanischen Kaiserdomen am Rhein. Er ist der kleinste, da er mit 107 Metern im Innern knapp zwei Meter kürzer ist als die beiden Schwestern in Mainz und in Speyer (letzterer freilich ohne die imposante Vorhalle). Die Wormser nehmen diesen Makel gelassen. In der Reihe der drei Schwesterdome sei der Mainzer unbestritten der älteste – hier konnte man bereits 2009 die Tausendjahrfeier der ersten Weihe begehen – der Speyerer Dom der größte, aber der Wormser Dom sei der schönste, sagt man selbstbewusst in Worms.

Nun mag man über Geschmack trefflich streiten, unbestritten aber dürfte der Wormser Dom derjenige sein, der seine beeindruckende romanische Architektur am authentischsten durch die Jahrhunderte und eine wechselvolle Geschichte bewahrt hat. 

Zentrum des Mittelalters
Ihrer zentralen Lage am Rhein verdankt die Stadt Worms eine bedeutende Rolle in der Geschichte des Mittelalters. An keinem anderen Ort haben bis in das hohe Mittelalter hinein mehr Hof- und Reichstage stattgefunden. Immer wieder wurde Worms so zum Dreh- und Angelpunkt der Reichs- und Kirchengeschichte. Und immer mitten drin im Geschehen, wie ein Fels in der Brandung – der Dom.

Die gotischen Reliefs aus dem abgebrochenen Kreuzgang zeugen von der wechselvollen Geschichte des Wormser Doms.

Schon seine Vorgängerbauten waren dem Hl. Petrus geweiht: „Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche baue, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“, lautet die Verheißung, mit der Christus nach dem Bericht des Matthäusevangeliums den Petrus an die Spitze der Kirche gesetzt hat. „Dir werde ich die Schlüssel des Himmelreiches geben“ (Mt 16, 18f). Der Petrusschlüssel ziert bis heute das Wappen der Stadt Worms. Wie eine steingewordene Übersetzung dieses Jesuswortes thront der Wormser Dom auf einem kleinen Hügel, der höchsten Erhebung der mittelalterlichen Stadt.

Bereits die Römer hatten auf diesem Hügel ihr Forum mit einer stattlichen Marktbasilika errichtet. Auf deren Fundamenten entstand um das Jahr 600 ein Vorgängerdom, den die karolingischen Könige erweiterten. Denn schon in merowingischer Zeit gab es in Worms einen Königshof. Karl der Große hielt sich oft in seiner Wormser Pfalz unmittelbar neben dem Dom auf. Hier heiratete er im Jahr 783 seine vierte Frau Fastrada. 450 Jahre später sollte der Wormser Dom wieder eine Kaiserhochzeit erleben: Friedrich II. heiratet 1235 im zwischenzeitlich neugebauten Dom mit großem Prunk seine Gemahlin Isabella von England.

Im Jahr 1000 wird der aus Hessen stammende Burchard Bischof von Worms. Er war zuvor enger Mitarbeiter des Mainzer Erzbischofs Willigis und hatte durch diese Tätigkeit Einblicke in die Belange einer städtischen Verwaltung wie auch in die Reichspolitik erlangt. Er war eng verbunden mit den Kaisern Otto III., Heinrich II. und Erzieher des späteren Kaisers Konrad II., des ersten Kaisers aus salischem Hause. Nicht zuletzt aber hatte Burchard in Mainz auch den 975 begonnen Neubau des Domes aus nächster Nähe miterlebt.

Als er nun nach Worms kommt, beginnt er hier eine rege Bautätigkeit, der schließlich auch der alte Dom zum Opfer fällt. An dessen Stelle entsteht innerhalb der Rekordzeit von vielleicht 15 Jahren der gewaltige romanische Bau mit den vier Flankentürmen, den Burchard in Anwesenheit des Kaisers und wahrscheinlich auch dessen Gemahlin Kunigunde am 9. Juni 1018 feierlich weiht.

Dass nur zwei Jahre später bereits der erste Turm im Westen wieder einstürzt und dabei auch große Teile der Westapsis zerstört werden, kann die Wormser in ihrem Stolz auf das imposante Bauwerk nicht erschüttern; auch nicht, dass vermutlich Bauschäden größeren Ausmaßes dazu zwingen, den Dom bereits gut 100 Jahre später komplett von Osten nach Westen abzutragen und auf dem Grundriss des Burchard-Domes neu zu errichten. Der dann 1181 vollendete und abermals geweihte Dom ist der, der sich weitgehend bis in unsere Tage erhalten hat, und ist doch zugleich auch, weil er auf den Fundamenten des Burchard-Domes steht und dessen Grundriss fast exakt bewahrt hat, der tausendjährige Dom des Bischofs Burchard. Verändert hat man beim Neubau des 12. Jahrhunderts allein die Kreuzgewölbe, die nun anstelle der flachen Balkendecke eingezogen wurden, und dass man den Westchor um ein paar Meter verlängerte.

Worms und die Päpste
Kaiser, Könige und Päpste gingen hier ein und aus. Der in Worms aufgewachsene Bruno von Kärnten, dessen Mutter und zwei seiner Brüder in der Saliergruft des Domes begraben sind und der 996 als Gregor V. zum ersten deutschen Papst der Geschichte aufstieg, hat den neuen Dom nicht mehr gesehen: Er starb bereits 999 gerade einmal 27jährig. Nur wenige Jahre später wurde 1048 im nun fertiggestellten Wormser Dom Bruno von Dagsburg-Egisheim, der Bischof von Toul, als Leo IX. zum Papst erwählt – eine der wenigen Papstwahlen auf deutschem Boden.

Als Papst hat Leo, der erste große Reisepapst der Geschichte, Worms mehrfach besucht und sich teilweise über Monate hier aufgehalten. Von Worms aus forderte auf dem Höhepunkt des Investiturstreits Heinrich IV. den Papst im Jahr 1076 zur Abdankung auf: „An Hildebrandt, nicht mehr Papst, sondern falscher Mönch: Steig herab!“ Hier in Worms wird schließlich der Investiturstreit im Jahr 1122 mit dem Wormser Konkordat durch einen Vergleich beendet.

Überhaupt kann der Wormser Dom durch seine Architektur als steingewordenes Plädoyer für das Zueinander von geistlicher und weltlicher Macht, Sacerdotium und Imperium, verstanden werden. Denn so wollen manche die charakteristische Doppelchörigkeit, also die beiden einander gegenüber liegenden Chöre und Apsiden im Osten und im Westen des Domes deuten: eine eigentümliche architektonische Modeerscheinung der Zeit um 1000, die Burchard zweifellos vom Mainzer Dom übernommen hat.

Auch die beiden Hauptportale machen diese Spannung, die das ganze Mittelalter kennzeichnete, sichtbar: im Norden das Kaiserportal, über dem die Bürgerschaft das von Friedrich Barbarossa der Stadt verliehene Freiheitsprivileg angebracht hatte und durch das der Kaiser feierlich einzog, wenn er in Worms weilte; und auf der gegenüberliegenden Seite, zum Kapitelshaus, also dem geistlichen Machtbereich hin, das Südportal, das um 1300 mit beeindruckendem frühgotischen Figurenschmuck reich ausgestattet wurde. Über allem eine eigentümliche Reiterfigur, unverkennbares Herrschaftssymbol. Doch die da reitet, ist eine Frau: die Ecclesia, die Kirche: Sie ist die eigentliche Herrscherin der Welt.

Und das Reittier ist ein Tetramorph, ein Wesen, das sich aus den vier Symbolgestalten der Evangelisten zusammensetzt. Die Kirche wird getragen durch das Evangelium, das Wort Gottes, lautet der Subtext, der wiederum eine Brücke schlägt auf die Nordseite, wo bis ins 17. Jahrhundert der Königs- und Bischofshof stand und damit jener Ort, an dem Luther beim Reichstag 1521 für seine Überzeugungen vor Kaiser und Reich einstehen musste. „Sola scriptura“ – wenn ich nicht durch die Schrift überwunden werde, so kann ich nicht widerrufen! 

Heimsuchungen und Neuanfänge
Immer wieder wurde der Dom auch Zeuge von Krieg und Zerstörung. Eine der schlimmsten Katastrophen war der große Stadtbrand am Pfingsttag 1689, als die Truppen des Sonnenkönigs Ludwig XIV. die Pfalz verwüsteten und auch Worms komplett niedergebrannt wurde. Der Versuch, den Wormser Dom wie zuvor schon den von Speyer zu sprengen, misslang, so dass die Kathedrale zwar völlig ausbrannte, aber in ihrer Bausubstanz erhalten blieb.

Dieser Katastrophe verdankt der Dom heute prachtvolle barocke Ausstattungselemente, wie die beiden Seitenaltäre und das beeindruckende Chorgestühl, vor allem aber seinen atemberaubenden barocken Hochaltar, den kein geringerer als Balthasar Neumann um 1740 schuf. An dem Hochaltar kann man ablesen, wie sehr selbst der große Barockbaumeister von der romanischen Architektur des Domes beindruckt war und wie er seinen Altar fast ehrfürchtig in die vorhandene Architektur einfügt. So hat jede Zeit das Ihre im Dom hinterlassen und ihn so zu einem Haus Gottes gemacht, das Generationen übergreift und zusammenführt. Eine Katastrophe für Dom und Bistum war auch die französische Besatzung unter Napoleon.

Er löste das uralte Bistum auf, der Dom verlor seine Bedeutung als Bischofskirche und wurde gleichsam degradiert zu einer gewöhnlichen Pfarrkirche. Seit 1816 gehört Worms zum damals wieder neu errichteten Bistum Mainz. Um diese Kränkung ein wenig zu lindern, erhob Papst Pius IX. den Dom 1862 zur Propsteikirche; fortan darf sich der Pfarrer der Domgemeinde mit dem wohlklingenden Titel eines Propstes schmücken. Seit 1925, dem 900. Todesjahr des Domerbauers Burchard, ist der Dom zudem päpstliche „Basilika minor“, worauf im Altarraum ein rot-golden gestreifter Schirm und ein Glöckchen, das sogenannte Tintinnabulum, hinweisen.

Eine Explosion im Jahr 1921 im 20 Kilometer entfernten Chemiewerk der BASF in Oppau zerstörte schließlich alle Fenster, die sukzessive durch moderne Glaskunst ersetzt wurden. Besonders beeindruckend sind die Buntglasfenster des 1989 verstorbenen Michelstädter Künstlers Heinz Hindorf, der die Fenster in allen gotischen Anbauten des Domes geschaffen hat, darunter das Geschichtsfenster, in dem Episoden der Wormser Geschichte festgehalten sind.

Der Dom war auch Zeuge, als im Hass der Nationalsozialisten 1938 die ebenfalls beinahe tausend Jahre alte Synagoge in Flammen aufging, die im Jahr 1034 vermutlich von denselben Bauleuten errichtet wurde wie der Dom. Gegenwärtig bemüht sich Worms zusammen mit Mainz und Speyer um gemeinsame Anerkennung der jüdischen Geschichte der drei SchUM-Städte als Weltkulturerbe. Der Dom war auch Zeuge der Bombardierung von Worms am 21. Februar 1945, die fast die ganze Altstadt in Schutt und Asche versinken ließ: ein Schlag, von dem sich Worms städtebaulich bis heute nicht wirklich erholt hat.

In den Türmen des Domes suchten die Menschen seinerzeit Schutz. Brandbomben setzten das Dach in Brand, aber die Gewölbe stürzten nicht ein. So überstand der Dom auch diese Katastrophe. Allein die Glocken schmolzen damals im Feuersturm. Das aus drei Glocken bestehende Notgeläut, das man bereits 1949 wieder aufhängen konnte, wurde nun zum Domjubiläum durch fünf neue Glocken zu einem achtstimmigen Domgeläut ergänzt: ein besonderes Geburtstagsgeschenk des Dombauvereins. Mit den Glocken der umliegenden Stadtkirchen verbinden sie sich zu einem aufeinander abgestimmten ökumenischen Stadtgeläut, das von einer bewegten Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen kündet. Und im Zentrum immer der Dom – die Krone der Stadt.

Tobias Schäfer