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Ausstellungen

Von Paderborn ins alte Rom

Ausstellungen - Von Paderborn ins alte Rom
Hendrick III. van Cleve, Ansicht der Stadt Rom mit dem vatikanischen Belvedere © SMK Foto

Seit der Antike ist die Anziehungskraft der „Ewigen Stadt“ groß. Die Ausstellung „Wunder Roms im Blick des Norden“ gibt Antworten auf die Frage nach dem Warum.

Christoph Stiegemann01.02.2017

In den Stürmen der Völkerwanderungszeit des 5. Jahrhunderts, als Barbaren­horden das einstige „Haupt der Welt“ geplündert hatten, war die Millionenmetropole auf die Größe eines Dorfes mit kaum mehr als 20.000 Einwohnern geschrumpft; weite Teile des Stadtgebiets lagen brach, Paläste, Thermen, Ratsgebäude, Tempel verfielen. Doch es war keineswegs das Ende.

Das Raunen der Ruinen
Nirgendwo anders wird die große Leistung der Päpste deutlicher, die es verstanden, auf den Ruinen der Antike in einer gigantischen Anstrengung das heidnische Erbe zu spiritualisieren und es so in die christliche Vorstellungswelt einzuschmelzen. Mit dem Sitz des Papstes als Nachfolger des Heiligen Petrus wurde Rom „geistliche Hauptstadt“ der Christen und bis heute Anziehungspunkt für Abertausende von Pilgern und Reisenden.  

Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts lie­gen Beschreibungen der römischen ­Kirchen, ihrer Reliquien und der in ihnen erhält­lichen Ablässe vor, die unter anderem als Mirabilia Romae bekannt sind. Die antiken Wunder des vorchristlichen Rom werden allerdings nur beiläufig erwähnt. Das Au­gen­merk richtete sich aber vor allem auf die heiligen Stätten und Stationskirchen, die Rom unstreitig zum Haupt der Welt (Caput Mundi), zur Stadt der Apostelfürsten, der Heiligen, der Kaiser und Päpste machte. Erst allmählich kommt im 13. Jahr­hundert die Wahrnehmung der untergegangenen Größe der Antike hinzu. „Nichts, Rom, ist Dir gleich, auch wenn Du fast ganz eine Ruine bist“, schrieb Hildebert de Lavardin nach seinem Rombesuch 1100/1101 in sei­ner berühmten Elegie.

Die Antiken werden kaum wahrgenommen, geschweige denn beschrieben. Eine Ausnahme macht hier allein Magister Gregorius, ein hoch gebildeter englischer Kleriker vermutlich aus Cambridge. Seine um 1200 verfasste erstmals an den Phänomenen interessierte Beschreibung der „Wunder Roms“ ist einzig in einer Abschrift des spätmittel­alterlichen Textes „De mirabilibus urbis Ro­mae“ überliefert, welche aus dem St. Catharine’s Col­lege, Cambridge, nach Paderborn kommt.

Außergewöhnliche Schätze
Jene Wunderwerke (Mirabilia) – antike Statuen von Göttern und Herrschern in Marmor und Bronze von teils gigantischen Ausmaßen –, die den Untergang der antiken Welt überlebt hatten, wurden je nach Zeitläuften und Blickwinkel in unterschied­liche Deutungssysteme eingebunden. Ein solch beeindruckendes Fragment ist die riesige Marmor-Hand der untergegangenen, ursprünglich 15 Meter hohen Sitzstatue des Kaisers Konstantin (um 315 n. Chr.) aus den Musei Capitolini in Rom. Erstmals ist sie im Original in Deutschland zu sehen.  

Die Päpste ließen bedeutende kolossale Fragmente antiker Skulpturen, aber auch die erhaltenen Bronzen unweit ihrer Resi­denz an der Lateransbasilika aufstellen, um sich so gleichsam in die ideelle Nachfolge der römischen Imperatoren zu stellen. Zu den erlesensten Ausstellungsstücken zählen hier kostbare Reliquiare – etwa die Capsella Vaticana aus der Sancta Sanc­torum, der Papstkapelle am Lateran.

Rom im Norden
Mit der Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahre 800 wurde das weströmische Kaisertum erneuert und so das Bündnis mit Rom festgeschrieben. Im Sinne der renovatio imperii rezipierte man in Aachen die Würdeformeln der antiken Kunst. Bis heute steht in der Vorhalle des Aachener Domes der Pinienzapfen, wohl ein Bronze­guss ottonischer Zeit, der das große ­Vorbild im Atrium der Peterskirche in Rom zitiert. Reliquientranslationen römischer Heiliger trugen wesentlich dazu bei, das Christentum im Norden dauerhaft zu festigen. Die Ausstellung zeigt bedeutende Reliquiare, aber auch wichtige antike Spolien, Elfenbein-Diptychen, Gemmen und Glasflüsse der Antike, die mit neuer, magisch aufgela­dener Bedeutung an Reliquienbehältnis­sen und heiligen Gefäßen angebracht wurden.  

Der Vatikan als Schule der Welt
Im Zeitalter des Humanismus endete die Epoche der mittelalterlichen Pilgerreise. Es trat die Bildungsreise als weiteres zentrales Motiv des Rombesuchs an ihre Seite. Nach der Rückkehr der Päpste aus dem Exil in Avignon (von 1309 bis 1376) verlagerte sich das Zentrum pontifikaler Macht vom Lateran hin zum Vatikan. Ein Schlüsseldatum markiert hier das Jahr 1506 mit der Auffindung der Laokoon-Gruppe, die zusammen mit anderen bedeutenden Antiken wie dem Torso von Belvedere im unter Papst Julius II. (amt. 1503–1513) errichteten ‚Cortile delle Statue‘ eine würdige Aufstellung fanden. Hier wurden sie zum Studienziel ganzer Generationen von Künstlern und prägten lange das Studium an den Akademien. In der Ausstellung belegen dies Werke bedeutender Maler wie Hendrick Goltzius, Peter Paul Rubens oder Nicolas Poussin sowie genialer Bildhauer wie Adrian de Vries.

Imagination und Wissenschaft
Künstler wie William Turner  oder Hubert Robert entwarfen vor allem ein Fantasie-­Bild der Ewigen Stadt. Johann Wolfgang von Goethe schwärmte in seiner „Italienischen Reise“ – in der Ausstellung in der Erstausgabe präsent  – vor allem vom Glanz der Kunst, er hatte sich unsterblich in eine antike Nymphe verliebt, die er allerdings in Rom zurücklassen musste; nun durfte die sogenannte „Ballerina di Goe­the“ als Leihgabe der Musei Vaticani nach
Paderborn reisen.

Dokumentation und Fotografie
Seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert spielte die Fotografie im Rahmen der Anti­kenrezeption in Rom eine große Rolle. Im Blickwinkel des Realismus im 19. Jahrhundert büßten die Antiken ihren Nimbus ein. Dieser Prozess der Versachlichung mündete in Formen künstlerischer Dekon­struk­tion, wie sie in Ansätzen bereits die Fotografien von Max Peiffer-Watenphul aus den 1930er Jahren zeigen. Die letzte Abteilung der Ausstellung gehört den Arbeiten des Münchener Foto- und Videokünstlers Christoph Brech (* 1964), dessen Schaffen Ausgangspunkt und Inspirations­quelle für die Beschäftigung mit den „Wundern Roms“ war. Nachdrücklich wird darin der herkömmliche, durch Anspruch und ­Aura konditionierte Blick auf die Mirabilia zur Disposition gestellt.

Bei allen Brüchen und kritischer Distanz zum hehren Motiv eignet Brechs Ar­beiten in ihren Schwebungen und Andeutungen doch ein eigener Zauber, der sublim aber unverkennbar vom Faszinosum Roms Zeugnis gibt.